Reinhart und Rogoff: Dieses Mal ist alles anders

Wer die Geschichte nicht kennt, ist verdammt, sie zu wiederholen.

Im Jahre 2009 haben zwei amerika­nische Wirt­schafts­professoren ein sehr lesenswertes Buch über Staats­verschuldungs- und andere Finanz­krisen mit einem ironischen Titel veröffentlicht:

Carmen M. Reinhart und Kenneth S. Rogoff: Dieses Mal ist alles anders. Acht Jahr­hunderte Finanz­krisen.

Kenneth Rogoff ist ein bekannter Mann: Er ist Harvard-Professor und war einige Jahre lang Chef­ökonom des Inter­nationalen Währungs­fonds. Hier schreiben also keine Außen­seiter, sondern Mitglieder des wissen­schaftlichen Establish­ments. Die beiden Autoren haben seit 2003 alle nur verfügbaren Daten über Krisen zusammengetragen und verglichen. Als 2007 die Subprime-Krise ausbrach, saßen sie seit Jahren am richtigen Thema.

Eine ausführliche Zusammenfassung des Buches steht hier. In aller Kürze lässt sich dem Buch Folgendes entnehmen:

Staatsbankrotte und Bankkrisen mit der Folge von Inflation und Währungs­zusammenbruch haben sich seit dem 14. Jahrhundert bis in die Gegenwart Hunderte (!) Mal ereignet. Staats­verschuldungs­krisen waren in der frühen Neuzeit auch in Europa gang und gäbe, heute treten sie vor allem in sich entwickelnden Ländern auf. Vor Banken­krisen dagegen sind auch die modernen Industrie­staaten nicht gefeit.

Das zentrale Problem ist die "Wankel­mütigkeit des Vertrauens". Nach wie vor ist es unmöglich vorher­zusagen, wann die Gläubiger mit einem Staat/einer Bank die Geduld verlieren. Die Instrumente der Geld­wirtschaft haben sich dramatisch verändert, aber die Menschen machen immer noch den selben Fehler: Sie missachten im Boom die klas­sischen Warn­zeichen, weil angeblich "dieses Mal alles anders" sei. Mal wird auf den techno­logischen Fort­schritt verwiesen, mal auf kluge Wirtschafts­politik, mal auf neuartige Finanzierungs­formen oder Fortschritte der Volkswirtschaftslehre - am Ende steht immer die Krise, der schlag­artige Kollaps des Vertrauens.

Durch den Vergleich von Hunderten von Bank­krisen haben sie heraus­gefunden, dass es ausge­prägte Ähnlich­keiten im Vorfeld gibt: Deregu­lierung der Kapital­märkte, hohe Kapital­zuflüsse in ein Land und ein starker Anstieg der Immobilien­preise. Das Kapital fließt gerne in Märkte mit geringer Regulierung und hoher Rendite.

Es wiederholt sich immer wieder, dass auf Banken­krisen ein sprung­hafter Anstieg der Staats­verschuldung folgt. Dabei spielen die Kosten von Rettungs­maßnahmen für insolvente Banken eine unter­geordnete Rolle. Wirklich schlimm sind die Steuer­ausfälle und gestiegenen Sozial­kosten in den Folge­jahren.

Die Autoren belegen einen engen Zusammen­hang zwischen Staatsverschuldungs­krisen und nach­folgender Inflation. Regierungen haben eine starke Tendenz, ihre Schulden wegzu­inflationieren. Es gibt dann einen Interessen­gegen­satz zwischen den Sparern (ihnen schadet Inflation) und dem Staat (ihm nützt Inflation).

Fazit: Staatsbankrotte und Bankzusammen­brüche sind etwas völlig Normales. Finanzielle Stabi­lität wie im Deutsch­land der vergangenen 50 Jahre ist die große Ausnahme.

Stand: 11. Januar 2012